Canto General 2008/2009

Canto General 2008 im Westerwald: Die Entdeckung eines Kontinents

Canto General 1. Oktober
Fast siebzig Menschen kommen dem Aufruf (Rheinzeitung vom 24.7.07) nach, den "Großen Gesang" von Pablo Neruda und Mikis Theodorakis im Westerwald zu singen. Noch ist es lange hin bis Juni des nächsten Jahres, aber die Strecke ist auch ziemlich weit, die der neue Projektchor zurücklegen muss. Doch schon die ersten Tonbeispiele machen Lust auf mehr...

8. Oktober
Mit den Vögeln geht es los. "Vienen los pájaros", die Vögel erscheinen (zumindest in der übungsreihenfolge) als erste im Urwald und machen gleich einen Heidenlärm. "Todo era vuelo en nuestra tierra", alles war Flug auf unserer Erde. Entsprechend durcheinander geht es noch zu: Hilfe!, bin ich eins oder zwei? Oder gar drei, oder ein weiblicher Tenor? Verwirrung abends um acht im Urwald...

Canto General 15. Oktober
Natürlich gibt es noch mehr Tiere in dem Stück als nur Vögel. Heute sehen wir die allerersten Takte des Oratoriums: "Algunas bestias", "Einige Tiere" lautet der Titel des kraftvollen Beginns mit Pauken und Becken. Leguane und Ameisenbären, Guanacos, Affen, Schmetterlinge, Kaimane und so weiter bevölkern plötzlich den großen Kreissaal. Aber Moment mal, was sind eigentlich Guanacos? Ach so, ja klar.

Die Selbstfindungsphase ist erst mal abgeschlossen, die Männer finden sich danach auf der verkehrten Seite wieder. Die Presse (Rheinzeitung vom 19.10.07) war auch da und schreibt, wir würden "schmettern aus voller Kehle". Ein Kompliment ist das nicht gerade, oder?

22. Oktober
Am letzten "Schnuppermontag" endet der erste Rundgang durch das Oratorium mit der Vorstellung eines langsamen Stücks: Voy a vivir. "Ich werde nicht sterben. Heute, an diesem Tag voller Vulkane, trete ich hervor, der Menge entgegen, dem Leben zu." Beinahe in einen Choral hat Theodorakis dieses trotzige Glaubensbekenntnis verwandelt, in das Neruda, so kommt es einem vor, allen Schmerz und Lebenswillen komprimiert hat. Großartige Musik.

Nun wird's also Ernst, wer nächste Woche wiederkommt, bleibt bis zum Ende dabei Aber die zufriedenen Gesichter nach der Probe lassen keinen Zweifel daran, dass alle schon dem Zauber verfallen sind...

29. Oktober
Sollten da tatsächlich noch ein paar Neue dazu gestoßen sein? So langsam füllt sich der Kreissaal. Heute steht "La United Fruit Co." auf dem Programm, ein wildes Spottlied über die US-amerikanischen Konzerne, die den Ländern ihre Naturschätze rauben und deren blutdürstige Marionettenmachthaber die Menschen unterdrücken. Damit der ernste Stoff nicht gar so traurig wird, haben Neruda und Theodorakis alle Register der Ironie und Verfremdung gezogen: Die Entstehung der Welt einmal anders!

5. November
Noch einmal Früchte, dieses Mal schon kräftiger. Der Klang wird ausgewogener, weil noch Männer dazugestoßen sind und sich trauen. Ist aber auch nicht leicht, gegen so viel Frauen-Power anzusingen, gut, dass ein paar Tenösen mithelfen. Die Entwicklung einer gemeinsamen Klangvorstellung und deren Facetten in den so unterschiedlichen Stücken des Canto wird sicherlich eine Hauptaufgabe der Probenzeit werden.

Anna, sehnlich herbeigewünscht, entlockt dem Klavier gar wunderbare Melodien und markante T(h)riller. Mit Musik ist es doch gleich netter!

12. November
Hurra, die Noten sind da! Meterhohe Stapel türmen sich auf den Tischen, eine ganze Menge toter Bäume. Pflegliche Behandlung sei erwünscht, hören wir, das wurde aber wohl nicht von allen Vorgängern so recht beherzigt.

Ansonsten recht textlastig, die Probe, auch zähe Momente scheint es also zu geben. Na ja, wenn alle brav ihre Hausaufgaben machen, geht es demnächst ja bestimmt zügiger voran, oder wie?

19. November
Wer hat Angst vor wilden Tieren? Anscheinend sind nicht alle frei davon. Aber mal ne andere Frage: Haben Sie schon mal in der Wikipedia nach dem Canto General gesucht? Wenn nicht, sollten Sie das unbedingt nachholen, denn der Artikel wurde gerade erst von einem kundigen Menschen erheblich ergänzt und erweitert. Sie finden hier viele Informationen und Links zur Entstehungs- und Aufführungsgeschichte des Werks. Viel Spaß beim Lesen!

26. November
Einzelproben für Soprane/Alte bzw. Tenöre/Bässe, der verflixte Teil bis Takt 192 von Algunas Bestias. Jede Note einzeln, jede Silbe auch, na also, so geht's voran. Die anschließende Gesamtschau hatte schon "viel Schönes"...

Canto General 3. Dezember
Konzentrierte Arbeit mit 2/3-Besetzung. Bei drei Stücken sind wir eigentlich schon über den Berg, da nach der Mitte mehr oder weniger nochmal dasselbe kommt. Billige Scherze auf Kosten von Minderheiten (pfui!): Wie bringt man die Augen eines Soprans zum Leuchten? Ganz einfach, Taschenlampe ans Ohr halten!

Bis zum nächsten Mal bitte "La United Fruit Co." bis Takt 168 anschauen!

10. Dezember
Wozu? Weshalb? Warum? Ach so, um Karten zu spielen bzw. Backrezepte auszutauschen ging man (weitgehend) geschlechtergetrennt erneut in unterschiedliche Räume. Wer wollte, konnte sich kostenlose PC-Beratung abholen. Um Früchte (mit Ausnahme von Kiwis und Bananen) ging es eigentlich kaum, dafür mal wieder ausgiebig um Tiere. Neueste Ansage: "Ne, ne, ne!"...

17. Dezember
Uff, stammelige Stolperstellen-Parade: Widrige Wortfetzen (AB)! Penetrante Pistoleros (VOY)! Mistige Mistfliegen (UF)! Ja will es denn heut' gar nicht Weihnachten werden?

Doch: Amezaliwa bwana, amezaliwa Yesu, Jesus ist geboren! Wunderschöne Weihnachtsfesttage und ein gutes neues Jahr wünschen wir allen und freuen uns auf ein Wiedersehen am 7. Januar. Bis dann: Yo no voy a morirme!

7. Januar 2008
Canto General Huch, was muss man denn nach dieser Probe alles im Forum lesen? Ja hatten die Damen denn zu viele Vitamine im Glühwein? Oder Hormone im Strudel? Muss ja außergewöhnlich gewesen sein und der Rezensent war natürlich halb "morirmt" im Bett gelegen. Mist aber auch!

Da können die Herren ja nicht hinten anstehen (ne, ne, ne): Die erste Panik-Sonderprobe bei Helmuth (ich sage nur: Die Küche!) findet dem Ernst der Lage angemessen dieses Mal schon ein halbes Jahr vor der Aufführung statt. Bitte in Scharen zum Plätzchen-Tee anreisen (Samstag 16 Uhr, Breitscheidt)!

14. Januar
Na, haben Sie schon gewusst, was eine Passacaglia ist? Zu Bachs Zeiten sehr beliebt als Orgelstück, in dem über einer im Bass liegenden ruhigen, gleichmäßigen Linie ausführlichst variiert werden kann. Der alte Bach hätte bestimmt seine Freude an den verwegenen Harmonien und der strengen Komposition des Stückes "Neruda Requiem Eternam" (Neruda ruhe in Ewigkeit) gehabt, dass das Thema ausgerechnet 18 Takte im 6/8-Takt misst hätte er sich aber wohl noch nicht träumen lassen...

Dieses in lateinischer und griechischer Sprache gehaltene Totenlied gehört im strengen Sinne natürlich nicht zum Canto General, da Theodorakis es erst 1976, also drei Jahre nach Nerudas Tod und zwei Jahre nach der Uraufführung in Paris ergänzte. Aber es hat eine so eigentümliche Kraft und fügt sich so nahtlos in den Zyklus ein, dass es schade wäre, darauf zu verzichten!

übrigens: Donnerstag 17.1., 20 Uhr: Tenor-Sonderprobe in der Musikschule (oberhalb Zulassungsstelle)!

21. Januar
Der Dirigent spielt Memory mit dem Chor: Nanu, heute sitzen die Tenöre ja vorne links, jetzt haben sie bald alle möglichen Positionen durch. Was haben die am Donnerstag wohl dafür bezahlt?

Am Schluss aufatmende Erleichterung: Wir haben die wilden Tiere bezwungen, einmal ganz durch, inklusive Mittelteil! So schön kann Chorgesang sein. Na gut, einige gingen zwischen 193 und 253 ein wenig verloren, wurden wohl vom Jaguar verätzt oder vom Puma verbrannt, aber das gibt sich. Wer will sich uns im Urwald jetzt noch ernsthaft entgegenstellen?

28. Januar
Nach kollektivem "Stuhlgang" (Kurzi) - meine Güte, Chronistenpflichten können ja ganz schön anstrengend sein - eine überraschend konzentrierte und zielführende Probe. Schnell mal wieder ins Requiem reingesehen, etwas länger in die Früchteabteilung. Auch hier, wie bei den abschließenden Bestien, ist das Mittlere (gewissermaßen der Stein oder Kern) problematisch. Aber sicher nicht mehr lange, das fühlt sich doch eigentlich schon sehr Toyota-mäßig an: Nichts ist mehr unmöglich für den Projektchor!

4. Februar
Jau, mit fünfeinhalb people an Rosenmontag ne Runde Griechisch und Latein singen ist genau das, was ich mir immer erträumt hatte. Ohne es zu wissen. Hach! Draußen tobt das närrische Leben und drinnen eine Insel ewiger Beschaulichkeit: requiem canto in aeternum. In diesem Sinne: Helau, Alaaf und Schepp! Schepp!

11. Februar
Von jetzt ab ist Ihr Halbjahr gelaufen, denn der heute ausgeteilte Probenplan ist echt klotzvoll. Tja, kein Mitleid, wären Sie halt zum Tennis gegangen! Im Zeitlupentempo werden heute die Tiere (in der Mitte) gezähmt, das gibt ein echtes Aha-Erlebnis in Tenor und Bass 2. Und auch der Schluss der Früchte (Sie erinnern sich, die Verneinungsorgie) verliert seinen Schrecken (fast). Schritt für Schritt kämpft sich das Westerwälder Dschungelcamp voran. Blitzlicht gibt's jedenfalls genug und manche kommen kaum zum Singen, weil sie ständig posieren müssen...

übrigens: Am Samstag, den 8. März (Achtung, Terminänderung!) gibt's ein großes Samstags- Proben-Chormeeting von 10 bis ca. 17 Uhr mit allen Schikanen, weitere Infos folgen!

18. Februar
Canto General Ab heute müssen wir dem schönen großen Kreissaal "adieu" sagen und uns wie Majestix im Martin-Luther-"Säälchen" der ev. Kirchengemeinde davor fürchten, dass uns die Decke auf den Kopf fällt. Andererseits, Enge gibt natürlich auch nen schönen kompakten Klang.

Als "alle Frauen ab 45" aufgefordert werden, zu singen, fühlt sich kaum eine angesprochen. Also Klaus, echt jetzt: der Kavalier hört doch bei 29 zu zählen auf! ähnlich wie neulich bei den Bestien erfolgt heute der große Aufseufzer, als ein erster Durchlauf durch "La United Fruit Co." gelingt. Ein ziemlicher Ohrwurm, dieses "ne ne ne ne ne"...

25. Februar
Und nun die Nachrichten. Altenkirchen: In der Perle des Westerwalds versuchte sich der sog. Projektchor "Canto" auch heute wieder mit wechselndem Erfolg an der Vorbereitung zweier Großveranstaltungen im Sommer. Das Wetter:...

Tja, sorry, Vanessa, viel mehr war echt nicht los. Kann ja nix dazuerfinden, solche Tage gibt es halt auch mal. Aber es wird ja besser: Am 8. März steigt der große "Proben-Samstag", zu dem sich schon viele angemeldet haben und nun ganz gespannt darauf sind, welche überaschungen sie da erwarten!

3. März
Schott kennen Sie, oder, diesen sympatischen kleinen Musikverlag, der für 'n Appel un 'n Ei Noten an begeisterte Nachwuchs-Interpreten ausleiht? Genau den. Da hab ich mal nachgesehen, wie oft der Canto eigentlich dieses Jahr im deutschsprachigen Raum aufgeführt wird. Die müssen das ja schließlich wissen, da nur sie die äppel einsammeln dürfen. Also: Die einzigen, wie vor kurzem noch, sind wir nicht mehr, außer uns machen sich noch vier andere Gruppen ans Werk (Fürth, Chemnitz, Heidelberg und Graz). Ich erzähle das eigentlich nur deshalb so ausführlich, weil das Bild, das man auf der Schott-Seite sehen kann, so ungeheuer eindrucksvoll aussieht:

Canto General

8. März
Canto General Lang erwartet, endlich da: Der große Probensamstag am Weltfrauentag! Schon um 10 geht's los, noch ein wenig verschlafen schauen einige in die Welt. Heute ist "Vegetationes"-Tag, nach so vielen Tieren und Konzernen wird es Zeit, dass auch mal die Pflanzen des Urwalds besungen werden. Zunächst in Registerproben, dann, nach dem Mittagessen, zusammen, hauen wir uns wie mit Macheten durch's Gestrüpp. Wie so oft hat es auch hier der Mittelteil in sich, den packt man nicht an einem Tag, aber Anfang und Schluss gelingen schon ganz gut.

Dann noch eine Kaffeepause (boah, die Nussecken!) und es wird laut: Die Musiklehrer Schmerda (Pauken) und Sohlbach (Klavier) bauen ihre Instrumente auf und machen, zusammen mit der bewährten Anna, einen ziemlichen Krach. Jetzt hören sich die Stücke auf einmal schon viel mehr nach "Canto" an, auch wenn natürlich noch sieben weitere Schlagzeuger (und noch einige Katzendarm-Quäler) fehlen - einen ersten Eindruck davon, gegen welche Wucht wir da ansingen müssen, kriegen wir durchaus schon mal.

Toll übrigens, wie viele Leute mitgemacht und beigetragen haben - klasse, Danke!

10. März
Heute gibt es frei für die Frauen, nur die Männerstimmen schwitzen. Das Fundament darf nun mal nicht wackeln!

17. März
Canto General Pablo Picasso war ein enger Freund und Vertrauter seines Namensvertters Neruda, mit dem er öfter zusammenarbeitete und der ihm auch in schwierigen Zeiten half. Durch seine Vermittlung erhielt er einen französischen Pass, als er 1949 vor Präsident González Videla aus Chile flüchten konnte. In den beiden Jahren zuvor, in denen er sich immerzu vor der Polizei verstecken musste, schrieb er den größten Teil der 15.000 Verse des "Canto General". Während des mehrmonatigen Aufenthaltes von Neruda in Paris erschien sein Buch Toros, das von Picasso illustriert wurde.

Da Klaus sich ja erweichen ließ, uns den Ostermontag nicht auch noch zu vermiesen... stopp, stopp, ich fange noch mal von vorne an: Da Klaus leider, leider uns aus unerfindlichen Gründen am Ostermontag nicht weiter in die Schönheiten des Canto einweihen möchte, sehen wir uns erst am Montag, den 31. März wieder. Bis dahin: Happy egg searching!

24. März
Canto General Eieiei, was muss man denn da im Forum lesen? Gab es doch eine versteckte Eier-Probe? Oder handelte es sich um eine Aktion "back to the secret roots"? Mich darf man nicht fragen, mein Name war Hase...

Da bleibt mir nur zu hoffen, dass gemeinschaftlich und privat mindestens so schöne große Eier gefunden wurden wie hier auf Helmuths Bild!
 

31. März
Nach all den Ferienschlampereien nun wieder eine Probe mit (beinahe) Vollbesetzung. Diverse "Mittelteile" harren weiterhin ihrer stilgerechten Umsetzung. Wer hätte gedacht, dass das so vertrackt sein könnte?

Zum Schluss kam sogar ein wenig "Küchenchor-Feeling" auf: Wie in den guten alten Zeiten endete die Probe in einer allgemeinen Kuchenschlacht. Danke an Margret für dieses schöne Beispiel der Pflege uralten katholischen Brauchtums auf dem Lande!

Und noch ein Hinweis: Am Samstag, den 5. April findet die erste Probe des Kinderchores statt (in der Tanzschule Step In, Frankfurter Str. in Altenkirchen, Beginn ?? Uhr). Wer geeigneten Nachwuchs besitzt, bitte anschleppen!

7. April
Canto General Taktzählereien, kleinliche, stundenlang, werden im Forum tränenreich beklagt. War's so schlimm? Der Teufel steckt ja im Detail, sagt man, und da muss er doch wohl raus, oder? Also, Abteilung: Unverzagt weiterüben! Sitzen machen!

übrigens wurde die Canto-Startseite stark überarbeitet, man kann da jetzt auch online Karten bestellen und es soll eine traumhaft schöne Seite mit den Texten von Neruda und den Bildern von Rainer entstehen...

14. April
Ok, nun sind wir "drüber" über die angesprochenen verflixten Takte in Vienen los pájaros, wieder einen Haken mehr gesetzt. Der Sopran hilft uns durch, die hatten schon Vorsprung, der Alt hört dafür ein "Hu!". Und was machen wir Mittwoch? Na klar, zum Professor gehen!

21. April
Canto General Viel Zulauf, auch und gerade vom Chor, hatte ja "O. Univ.-Prof. a. D. Dr. Hans-Jürgen Prien" (O-Ton Gemeindebrief ) nicht gerade, als er letzten Mittwoch im guten alten Kathederstil eine Vorlesung über "Historische und theologische Hintergründe der Mission und Kolonisierung Südamerikas" hielt. Interessant war's trotzdem, wenn auch der Bezug zum Canto in der zweimaligen Nennung des Namens Neruda in den letzten fünf Minuten bestand. Sei's drum, dümmer wurde man keinesfalls davon.

Samstag waren wohl ein paar mehr da, dem Vernehmen nach, wir treten also in die Drei-Canto-Tage-pro-Woche-Phase ein. Seufz, in zwei Wochen sehen wir dann vermutlich unsere Familien überhaupt nicht mehr...

Dabei gibt es doch auch am Haupt-Chortag Fortschritte zu vermelden. Das gerade frisch begonnene "Los libertadores" geht doch schon ganz ordentlich ab. 18 Minuten, ein Klacks...

Und weiter geht's mit dem Sonderprogramm rund um den Canto General: Am Freitag, den 25. April, gibt es um 20 Uhr in der Kreissparkasse in Altenkirchen eine "szenische Lesung mit Musik" mit dem abgründigen Titel "Hungrig bin ich, will deinen Mund...". Wer diesmal wieder nicht kommt, ist echt selber schuld und muss nächsten Montag zehn Minuten in der Ecke stehen. Aber echt jetzt.

25. April
Canto General Die Kreissparkasse hatte geladen zu einer "Szenischen Lesung mit Musik" über "Leben, Liebe und Politik im Werk Pablo Nerudas". Kaum jemand konnte sich vorstellen, was darunter zu verstehen sein könnte. Doch die Liste der Mitwirkenden klang schon mal verheißungsvoll: Die Gruppe THEATTRAKTION mit unserem Chormitglied Sabine sprach und spielte (gefühlsecht: Don Pablo mit Schieberkappe, Mutter und Tochter im Clinch, Allerlei mit Ei), das "Ensemble Venceremos", also im Großen und Ganzen das allstar-Team der üblichen Musikschul- und Küchenchor-Verdächtigen, sorgte, wie nicht anders zu erwarten, musikalisch für traumhafte Stimmung.

Was soll ich sagen: Der Wahnsinn! Die Schalterhalle proppenvoll, die Bankleute glücklich, das Publikum hielt buchstäblich den Atem an, als es dann endlich, endlich so weit war... Zwischen Liebesleid und Liebesfreud von Beatriz und Mario die ganze Bandbreite des literarisch und politisch aus allen Nähten platzenden Lebens Pablo Nerudas: Leidenschaft und Sehnsucht, Genialität und Gestaltungswille, Verfolgung und Krankheit. Noch die Beerdigung wenige Tage nach dem blutigen Staatsstreich wurde zum politischen Fanal: "Genosse Neruda?" - "Anwesend!"

28. April
Nun scheint es allmählich ernst zu werden: Plötzlich werden die Stühle knapp, man verspürt verstärkt das Bedürfnis, auf der Zielgeraden mal eben noch an ein paar Proben teilzunehmen. übersprungshandlung darf wohl vulgär-biologi(sti)sch das allzu-menschliche Verhalten genannt werden, das sich bei platzgreifendem Unsicherheitsgefühl durch vermehrtes Quasseln, Giggeln und Sich-Nicht-Mehr-Seiner-Stimme-Erinnern äußert. Wie gut, wenn man noch nichts geübt hat, dann kann man noch problemlos in eine andere Gruppe wechseln...

Aber es gibt auch Positives zu vermelden: 304 Tenöre, einige richtig laut singende Alte, neue Noten, sehr elegant ganz in schwarz, dafür mit manchmal zu wenig Seiten; oder auch weitere Fortschritte sowohl bei den Konzernen als auch bei den Befreiern. Na also, geht doch.

Mittwoch: 20 Uhr Registerprobe Sopran/Tenor (vorverlegt!), Samstag: 10 Uhr Singstunde für alle, jeweils Musikschule. Nächsten Montag wieder im Kreis-Saal!

Canto General 5. Mai
Heute beginnen wir mit Wunschkonzert: Kann ich das bitte ab Takt 396 noch mal haben? Oder ab 424? Ja, sicher doch. Und wenn man dann denkt, alle haben's begriffen, schreit es aus irgeneiner Ecke garantiert: "Nochmal!". Laa Laa und Po lassen grüßen. Aber der zweite Teil setzt noch einen drauf: (Einer der) Libertatores bis zum Abwinken! Klar ist nur: Diese zwanzig Takte können nun aber wirklich alle. Garantiert. "Nochmal"!

Und dann das noch: Mittwoch ist Registerprobe für den Tenor, Freitag Theater in Wissen, Samstag Singstunde um 10, Montag Kinder um 5, Rest um 6. See you!

Canto General 9. Mai
Für einen "äußerst vergnüglichen Abend" hätte das Euro Theater Central an diesem Abend in Wissen gesorgt, schreibt - sogar leicht untertreibend - die Rheinzeitung. Die zahlreichen Zuschauer freuten sich an diesem Freitag, der auch meteorologisch Auftakt zu einem wunderschönen Pfingstwochenende werden sollte, wie Bolle: wie leicht und beschwingt die zwei Paare des Bonner Ensembles die Liebes- und Lebensgeschichten auf die kleine Bühne brachten. Kammertheater at its best. Und diesmal sogar nur mit Federn, ganz ohne Ei...

12. Mai
Canto General Riesen-Gewusel im Kreis(s)-Saal: Jede Menge Kinder, Eltern, InstrumentalistInnen, dazwischen ein paar verschüchterte ChorsängerInnen: Immer mehr schwanen einem die schlussendlichen Proportionen dieses Projekts: gigantisch. Kurz nachdem es "laut und hoch" wird, legen die Kinder los und flattern akustisch mit den Vogel-Flügeln. Das wird's hoffentlich rausreißen, denn zwischendurch kreiseln die pájaros durchaus noch flügellahm in der lauen Mailuft.


 

19. Mai
Heute sollte eigentlich der Solist da sein, er liegt aber leider zu Bette. So erfahren wir auch, dass es schon lange Klaus' Traum war, den Part selber zu singen. Der Schwerpunkt liegt auf den Baum-Befreiern, hier klaffen noch manche Lücken, die aber im Laufe des Abends doch deutlich kleiner werden.

Aber liebe Leute, jetzt werde ich ganz gegen meine Gewohnheiten mal richtig moralisch: Einige von euch müssen sich auf der Zielgerade schon noch ein wenig anstrengen. Gerade auf dem konservativen Flügel (vom Präsidenten aus gesehen rechts) könnten die Einsätze straffer kommen und die Freude, dieses Stück singen zu dürfen, könnte sich in etwas mehr Sone umsetzen. Holt endlich die übe-CD raus und legt zu Hause los! Täglich! Ende der Predigt, soll nicht wieder vorkommen...

Achtung: Diese Woche Samstag keine Singstunde, dafür ganztägige Probe mit Instrumenten am Sonntag, den 25.5. um 11 Uhr im Kreissaal! Und bitte tragt in die Liste ein, mit wie vielen Leuten ihr an der Premierenfeier teilnehmen wollt!

26. Mai
Canto General Ganztägige Sonntagsprobe mit Instrumenten. Hört sich nicht nur anstrengend an, ist es auch. Als Verpflegung gibt es immerhin Produkte der United Fruit-Nachfolgeorganisationen. Leichte Dehydrierungserscheinungen sind dennoch gegen Nachmittag festzustellen. Musikalisch? Na ja, die Klopfer, Huper und Knöpfchendrücker ruckeln sich allmählich zurecht, der Chor hilft ja auch gerne aus. Mehrfach werden virtuelle Gitarristen beschworen (vielleicht hätte man mal hier reinschauen sollen?). Milena Lenz, die Soul-Legende des Westerwalds, meistert bravourös das ungewohnte Genre. Und der komplizierten Mittelteile mit reichlich Sechzehntel-Schnellfeuer-Text gibt es gefühlt auch viel zu viele...

27. Mai
Canto General Canto General Letzte "normale" Probe im Kreissaal. Nach einem Cyber-Geburtstagsständchen noch einmal Vögel und Pflanzen. Martin Krasnenko kuriert sich noch immer aus, um dann beim Auftritt topfit zu sein. Wenn's wackelig wird, weiß Milena immer ganz genau, wo wir gerade sind.

Samstag Singstunde mit Anna um 10, Montag um 19 Uhr (!) in der Evang. Kirche!

 

2. Juni
Canto General Der Countdown läuft. Erste große Probe in der Christuskirche in Altenkirchen. Außer den Gitarren sind fast alle Instrumente besetzt, auch Martin Krasnenko, der Bariton, kommt. Er entpuppt sich als sympathischer Typ ohne Starallüren, dafür mit großer Geduld. Mit ihm singen wir seine beiden Chorstücke "Voy a vivir" und "La United Fruit Co." und wie zu erwarten müssen erstmal Tempi abgestimmt werden. Eine mühsame Sache, da vergehen drei Stunden wie nix.

Bevor es dann wirklich hektisch wird (Do. 17 Uhr Hauptprobe, Fr. 17 Uhr Generalprobe), noch ein kleines Briefing, damit's am Samstag bei der Verwandtschaft besser läuft: Das Programmheft zu unserem Canto General enthält an prominenter Stelle folgendes wunderschöne Zitat aus der Nobelpreis-Rede von Pablo Neruda:

Nur mit brennender Geduld werden wir die strahlende Stadt erobern,
die allen Menschen Licht, Gerechtigkeit und Würde schenken wird.
So wird die Poesie nicht vergebens gesungen haben.


Antonio Skármeta, geb. 1940, ist chilenischer Schriftsteller und u.a. Autor des Romans Mit brennender Geduld, im Beiprogramm konnten wir ja schon großartige darauf beruhende szenische Umsetzungen bewundern (Stichworte Eier und Federn!). Er musste als Anhänger Salvador Allendes nach dem Militärputsch 1973 sein Land verlassen und lebte im Exil in Berlin, wo er etliche Drehbücher schrieb und als Regisseur arbeitete. Doch erst die Verfilmung des Stoffs unter dem Titel "Der Postmann" 1994 von Michael Radfords machte die Geschichte um Neruda, den Briefträger und das Mädchen richtig bekannt.

Romantitel und Neruda-Ausspruch gründen sich auf ein Zitat von Arthur Rimbaud, dem leicht durchgeknallten französischen James Dean, der schon mit 21(!) mit dem Schreiben wieder aufhörte: "Im Morgengrauen werden wir, bewaffnet mit brennender Geduld, die Städte betreten." In unserer Canto-Adaption hat das Sujet wohl mittlerweile zentralen Kultstatus erhalten und so passt das Zitat wie kein anderes zu unserem Canto General: Möge die Poesie niemals umsonst singen!

5. Juni
Hauptprobe. Jetzt sind alle Pulte besetzt, das Orchester hat sich warmgespielt, die Technik steht und die vier Stücke mit Milena können in Angriff genommen werden. Die Pájaros und Libertadores sind noch ein wenig zäh und arbeitsaufwändig, die Kinder-Vögel müssen deshalb ein paar Mal ein- und wieder ausfliegen. Aber spätestens bei den Bestias und erst recht bei Vegetaciones macht sich dieses Boah-Gefühl breit, das für jeden Chor die Belohnung für monatelanges Durchhalten ist: Wahnsinn!

Wie das zusammenklingt, wie die Gitarren, die Klaviere, erst recht das Schlagwerk vorwärts treiben und tragen, wie die Musik zusammenkommt, wie eine Symphonie entsteht! Milenas umwerfende Stimme, die perlenden Klaviere, die durchdringend hohen Melodien des Vibraphons, rassige Gitarrenakkorde, weiche Flötenteppiche, breit grinsende Schlagzeuger, die sich die akustischen Bälle zuspielen während sie Kaskaden von Trommeln bearbeiten, ein souveräner Herrscher über die Pauken - man kann es kaum beschreiben, man muss es gehört haben.

Und das Schönste: Das Gesicht von Diri Klaus bei seinem Lieblingsstück Vegetaciones, der Durchbruch. Ja, das ist es!

6. Juni
Generalprobe. Zunächst sind das Requiem sowie die Bariton-Stücke noch einmal durchzugehen, danach folgt der Gesamtdurchlauf. Die Temperaturen in der Kirche werden immer höher, das Singen kostet Kraft. Natürlich klappt noch nicht alles hundertprozentig, aber für eine ordentliche Generalprobe geht eigentlich viel zu wenig schief. Wichtig für den Chor ist, auf den Monitorlautsprechern die richtigen Instrumente und die Solisten laut genug zu hören, aber damit ist dann auch das Begleiten in den langsamen Passagen kein Problem mehr - man gewöhnt sich aneinander.

7. Juni
Canto General Altenkirchen steht kopf! Die Premiere des Canto General 2008 im Westerwald sprengt alle Vorstellungen. Kaum denkbar, dass die Christuskirche schon einmal derartiges gesehen hat. Schon nach den ersten Takten reagiert das Publikum in der ausverkauften Kirche auf die Musik, frenetischer Applaus nach Algunas bestias, stehende Ovationen schon vor der Pause. Obwohl das Thermometer im Altarraum nun den neuen Höchststand von 28 Grad erreicht, singt es sich vor einer solchen Kulisse fast von alleine. Nerudas Texte, im eifrig gelesenen Programmheft und von Sabine und Werner Zeidler meisterhaft vorgetragen, interessieren die Menschen. Was singt ihr denn da eigentlich auf spanisch? Ui, das liest sich ja ganz modern, das geht uns ja immer noch an! In der dringend benötigten Pause verkauft das Na endlich-Team vom Felsenkeller vor dem Eingang edle Getränke, das Publikum diskutiert schon Musik, ökologische wie politische Inhalte sowie die Interpretation des speziellen Westerwälder Canto.

Denn diese Aufführung ist anders. Anders als herkömmliche Interpretationen. Nicht das letzte Quäntchen Werktreue ist das Ziel, nicht die gesetzte Atmosphäre eines Konzerthauses mit blasierten und letztlich unberührten Zuschauern. Nein, wir wollen die Poesie und die Musik direkt ins Herz der Menschen pflanzen. Nerudas unvergleichliche Mischung von Naturverehrung und Mahnung, Theodorakis kongeniale Vertonung hat bei uns allen Spuren hinterlassen. Die Poesie singt für uns. Und die Zuhörer merken das. Sie sehen keine Profis, die einen Auftritt unter vielen absolvieren. Sie sehen Menschen, die ein dreiviertel Jahr ihres Lebens investiert haben, viele davon ganz wörtlich. Sie hören Musik, die sich nicht einfach einstellt, die nicht mal eben heruntergesungen werden kann, sondern die erarbeitet werden musste, hart erarbeitet in vielen, vielen, nicht immer nur angenehmen Proben. Die viele "oh je, muss ich schon wieder da hin"- Seufzer erlebt hat, und auch manche "nein, heut' schaff' ich's wirklich nicht". Und diese ganze Arbeit, dieses Hineingehen, das teilt sich nun mit, das sehen und hören sie nicht nur, das spüren sie auch. Und genau damit sind wir ganz bei Neruda. Bei Theodorakis. Und, ich glaube, auch ganz bei Klaus' Traum. Der zu unserem geworden ist.

Dann erneut ein Höhepunkt, die Kinder mit ihren bunten Tüchern stellen überzeugend dar, dass "alles Flug auf der Erde" war. Nach den beiden getragenen Stücken (wunderschön das Bariton-Solo) der nicht mehr zu überbietende Abschluss mit Vegetaciones. Hätte nur noch gefehlt, dass das Publikum auf die Bänke klettert. Die Bestias noch einmal als Zugabe, dass dabei in der ganzen Gegend und natürlich auch in der Kirche für zwei Minuten der Strom ausfällt, wird vom Publikum mit rhythmischem Klatschen ausgeglichen. Höchstes Kompliment für uns die Frage, ob für morgen noch Karten zu bekommen seien. Schade nur, dass der einsetzende Wolkenbruch alle nach Hause treibt, bevor man sich noch ein wenig hätte austauschen können...

Aber wir haben ja noch unsere Premierenfeier, unsere after show party. Auch hier hat sich der Felsenkeller mächtig ins Zeug gelegt und ein super Büffet zusammengestellt und wir feiern zusammen mit unseren Familien noch bis nach Mitternacht...

8. Juni
Canto General Zweite Aufführung in der Betzdorfer Stadthalle. Au weia, das wird schwierig. Nach einer dermaßen emotionalen Premiere und in einer total anderen akustischen Umgebung müssen wir uns völlig umstellen. Von der Bühne aus hat man kaum Kontakt zur Halle, man singt ohne Rückmeldung. Die Technik ist noch wichtiger als in der Kirche, aber das Ergebnis anscheinend auch besser: durchsichtiger, klarer, manche Stellen, die gestern noch wackelten, laufen jetzt einwandfrei.

Natürlich kommt es bei den ca. 400 Zuschauern in der nicht ausverkauften Halle nicht zu solchen Begeisterungsstürmen wie gestern. Aber auch hier lässt das Werk niemanden unbeteiligt. Erneut geben alle alles, Milena zieht das Publikum in ihren Bann, sogar, wenn das Mikrofon ausfällt. Leichte Intonationsprobleme in Voy a vivir, na ja. Sabine gibt noch mehr bei der Rezitation, die Flöten wachsen über sich hinaus. Stimmungsvolles Licht kommt hinzu, der gestaffelte Aufbau von Orchester und Chor auf der wandlungsfähigen Betzdorfer Bühne ergibt dadurch ein tolles Bild (und nach der Pause kann der Chor dann sogar wieder seine Noten erkennen).

Die schwierige Situation also bravourös gemeistert. Diesmal United Fruit als Zugabe, das schwungvolle Bariton-Stück noch einmal auch als Anerkennung für den "externen", aber wunderbar sich integrierenden Martin Krasnenko. Und schließlich noch eine Herausforderung für Toner und Roadies: Das erste Deutschlandspiel der EM soll kurz nach unserem Auftritt auf der Bühnenleinwand gezeigt werden ("public viewing"), also muss das gesamte Holz schnellstmöglich aus der Halle. Aber wie nicht anders zu erwarten klappt auch das...

Und nun? Ganz tief Luft holen, gar ein Tränchen zerdrücken? Mit der letzten Aufführung endet das Projekt "Canto General 2008 im Westerwald". El Diri sagt schon mal Gracias. Nun droht das tiefe schwarze Loch. Es gibt aber Hoffnung: Wer's gar nicht ohne Canto aushält, kann morgen Abend nach Malberg kommen, Margret lädt zum ersten Treffen der "Selbsthilfegruppe der Canto-Veteranen". See you...