Canto General 2008/2009

Canto General im Westerwald 2009: Des Abenteuers zweiter Teil

9. März 2009
Canto General Zu früh gefreut. Now it goes again lose!
Hach! So muss es sein, wieder aus dem Ruhestand zurückgeholt zu werden. Man konnte sich nie so recht damit abfinden, plötzlich so auf dem Abstellgleis. Irgend etwas fehlte. Und dann: Es geht wieder los. Wir wollen's nochmal wissen.

Merkwürdig ist es schon, es sind nicht mehr alle da (na ja, immerhin über 50, weitere sollen dem Vernehmen nach folgen). Es sind auch ein paar neue da (hallo Hubertus, Stefan, Kristin...). Alle sind ein Jahr älter geworden (außer Anna, natürlich). Die entscheidende Frage: Wird es wieder so werden, so strahlend, oder doch nur ein matter Abglanz? Es liegt an uns. Jedenfalls haben fast alle schon mal ihre Noten nicht vergessen, ist doch erwähnenswert.

Diri Klaus ist jedenfalls probenbeginntechnisch noch der alte, höchstens redseliger. Die Analyse, was alles gut geklappt hatte und was weniger, ergibt mehr Text als im gesamten letzten Jahr zusammengenommen. Das Fazit des an diesem Abend vorzunehmenden überblicks stand jedenfalls schon vorher fest: Alles, was man damals nicht so recht konnte, hat sich leider nicht von alleine eingestellt. Aber doch erstaunlich, dass es sich noch durchaus nach Theodorakis anhört!

16. März 2009
Jupp, das ist wieder die alte Canto-Probe-Atmosphäre, nicht gerade prickelnd, auch nicht wirklich lustig, einfach nur arbeitsintensiv und etwas anstrengend. Vielleicht sogar noch einen Tick verschärft, weil alles (heute bspw. die Vögel-Nummer, die, noch ohne Mittelteil, gerade mal so eben in zwei Stunden passt) noch intensiver durchgeackert wird, noch genauer als beim letzten Mal auf Details und Feinheiten eingegangen wird. Ja auch eingegangen werden kann, die basics sind ja da, man hat also die Freiheit zum "Tiefschürfen". Wie viel doch noch "da" ist und wie schnell man sich auch an entlegenes wieder erinnert, mei, man spürt die Jahre gar nicht, die man auf dem Buckel hat...

Die versprochenen zehn anderen Leutchen sind leider nicht eingetroffen, es scheint sich also doch eher bei etwas über 50 einzupendeln. Ob das reicht, die Riesenhalle (60m!) zu füllen?

23. März 2009
Im Netz der Netze tut sich zum Thema Canto nicht sehr viel seit letztem Jahr. In 2008 gab es ne ganze Menge Aufführungen, aber dieses Jahr scheint es eher wieder abzuflauen (ein Termin in Hamburg war schon im März, sonst Fehlanzeige in Deutschland und Ebbe in Europa). Auf YouTube gibt's auch nix Neues, einige Aufnahmen älterer Konzerte sind dazugekommen (mit einer schlanken Maria ) und dieses leicht schwermütige Stück aus dem Canto, das bei uns gar nicht auf dem Zettel steht (schade, kommt ne Menge ne, ne, ne drin vor). Dafür zeigt das Video die chaotischste Bildersammlung, die die (YouTube-) Welt je sah!
Ach ja, und geprobt wurde heute auch...

Canto General 30. März 2009
Zum ersten Mal trifft man sich noch im Hellen (Sommerzeit!), um "schöne Töne" zu singen. Der Frühling liegt in der Luft. Dazu passt Vegetataciones, die explodierende Pflanzenpracht des Urwalds: "En la fertilidad crecía el tiempo." So ist es. Und es bleibt noch etwas Zeit für philosophische Betrachtungen: Kann die Dichtung eine Welt erschaffen? Die Alten sagen so (egal, ob man die Finnen, die ägypter oder die Bibel fragt): Am Anfang war bekanntlich das Wort. "Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind" meinte dazu der olle Immanuel Kant. Hätten die alle den Canto General gekannt (also den allgemeinen Gesang von allem), hätten sie sich vielleicht mit dem a priori und a posteriori nicht so schwer getan: Durch Singen kann man tatsächlich eine Welt erschaffen!

6. April 2009
Heute wird's zu Beginn schwer intellektuell, wahrscheinlich, um das leicht kitschige (sorry!) Requiem theoretisch zu unterfüttern, das dann anschließend folgt. Bei der Konzeption des Programmheftes war der Text von Hans-Klaus Jungheinrich ja letztes Jahr noch hinten runtergefallen, aber jetzt soll er doch auch hier mal zu seinem Recht kommen:

Canto General "ähnlich frappierend war für einen Kenner der zeitgenössischen Literatur der Blick auf Pablo Nerudas „Canto General“ mit seiner ganz ungebrochenen Sprachmacht und der Ambition, Geschichte und Gegenwart Südamerikas als einen Schöpfungs- und Gründungsmythos ins Bewusstsein zu heben. Dabei wirken visionäre Poesie und souverän verfügende epische Kraft zusammen – dem demiurgischen Dichter gehorchen die Wörter scheinbar so mühelos wie dem allmächtigen Schöpfer des Sechstagewerks die Lebewesen und Gestirne. In einer ganz anderen Weltgegend war ein ähnlicher Pathetiker am Werke: Mikis Theodorakis, der griechische Komponist und kämpferische Autor von Freiheitsliedern. Fast mehr noch als die Kunst Nerudas war die Musik von Theodorakis Waffe gewesen im Kampf gegen eine faschistische Obristendiktatur. Beide, Neruda und Theodorakis, wurzeln in der Volkskunst – der chilenische Dichter in der mestizischen Tradition, der griechische Musiker in einer gerade erst archaischen bäuerlichen Strukturen entwachsenen, ihre antike Herkunft aber niemals verleugnenden Kultur. Es kann kein Zufall gewesen sein, dass Theodorakis dieses Hauptwerk Nerudas für sich entdeckte und 13 Teile daraus zu einem abendfüllenden Oratorium zusammenfügte – einerseits zwar eine Komprimierung des gigantischen literarischen Werkes, andererseits aber mit seinem überschwänglichen Gestus ebenfalls eine Monumentalität. Zwei Großpathetiker fanden sich da, zwei einsam und quer in der Kunst des eher spröden 20. Jahrhunderts Dastehende. Zwei, die es verstehen, das Leben zu feiern. Zwei, denen der mitreißende Appell an Menschenmassen keinerlei Skrupel bereitet."

20. April 2009
"Mittelteile" (ne, ne, ne und Konsorten): Nee, nee, nich schon wieder! Und dann noch so detailliert! Sollen wir dieses Mal etwa alles fehlerfrei singen? Das eine oder andere Lid sinkt herab, während der Minutenzeiger stillzustehen scheint. Einstein hatte Recht, die Zeit ist ja doch relativ, aber, was das Genie nicht wusste, es scheint darauf anzukommen, ob der Sopran oder der Alt gerade singt...

27. April 2009
Ausführliche und im ganzen recht erfolgreiche Beschäftigung mit dem Früchte-Konzern. Der geplante Schnelldurchlauf von "Los libertadores" fünf Minuten vor Zehn scheitert dann aber schnell und gründlich an akutem Konzentrationsmangel...

4. Mai 2009
Heute nach einer Tenor-Sonderprobe, welche die Herren (und Damen natürlich) stolz nach rechts vorne hat rutschen lassen, die Befreier etwas gründlicher. Das längste Stück des Zyklus sollte jetzt eigentlich auch klappen, nachdem hoffentlich jede(r) wieder weiß, von wo nach wo gesprungen, was gesungen und was ausgelassen wird.

Und hier noch der obligatorische Terminkalender:
Wer mag kann sich Samstag im Forum der neuen Wissener Halle noch einmal das Theater- / Musik-Vergnügen "Hungrig bin ich, will deinen Mund..." machen (und wer es letztes Jahr nicht gesehen hat, ist geradezu dazu verpflichtet).

CU Sonntag von 14 - 18 Uhr wieder hier, ihr denkt doch noch dran ("zwei Stunden Kaffeepause"), oder?

10. Mai 2009
Canto General Nach drei Regentagen endlich Sonne und wir sitzen (auch noch am Muttertag!) drinnen. Schon schlecht. Ein Drittel des Chors und die Hälfte der Musiker war schlauer und erschien erst gar nicht. Noch schlechter. Leute, was ist denn dieses Jahr los? Meint ihr ernsthaft, mit dieser Einstellung eine gute Aufführung hinlegen zu können? Wo ist eigentlich die Begeisterung hin, das Gefühl, das Sehnen? Hab ich nicht noch im Ohr: "Möönsch, war das klasse, das müssen wir unbedingt nochmal machen"? Und jetzt so ein schlaffer Haufen. Oder vielleicht bin ich auch völlig schief gewickelt und alles ist bestens, keine Ahnung. Schreibt's mir.

Jedenfalls gehörten diese vier Stunden zum Anstrengendsten, was ein Choristenleben so zu bieten hat. Das Rumpforchester tat sich sichtlich schwer damit, die Lücken zu füllen und dem Chor eine halbwegs singbare Begleitung zu liefern. Wie immer beim ersten Zusammenspiel mit Instrumenten erfolgte der Tempo-Schock. Eigentlich müsste man ja schon darauf gefasst sein, aber der übergang vom weichen Anpassen des Dirigenten an die liederlichen Tempi der verschiedenen Stimmen, vom Immer-mal-wieder-Liegenlassen eines Viertes oder Achtels zum straighten Hämmern der Schlagzeuger, die unerbittlich vorwärts drängen, ist trotzdem immer wieder ätzend. Gut die Hälfte haben wir trotzdem durchgeackert und uns vielleicht sogar (die Hoffnung stirbt nie) damit angeeignet.

Positiv: Es gab Getränke und Kuchen, super! Und die FAZ hat im April ein Interview mit Mikis Theodorakis gedruckt.

11. Mai 2009
Heute war Milena da und wir probten die Stücke, die wir zusammen mit ihr singen. Da zeigte sich, dass der gestrige Sonntag tatsächlich etwas gebracht hatte. Bass 1 war wiederum vollständig anwesend und die Tenöre frisch extrageprobt. Was soll ich sagen, es klappte! Vor allem die zwischen Chor und Solistin enggeführten Stellen, an denen es letztes Mal ein wenig gehakt hatte, wurden zusehens anhörlicher (oder zuhörend ansehnlicher oder so). Irgendwie klingt sie noch authentischer als damals, irgendwie revolutionärer. Wahnsinn. Und der Sopran hat immer Recht, immer. Ich bin schon wieder ganz versöhnt.

Noch zwei Proben: Montag, 18., 20 Uhr in Altenkirchen und Donnerstag, 21., 14 Uhr in Wissen.

18. Mai 2009
Rechts ist es so voll wie nie, und manchmal hört man sogar was aus der Richtung, echt unheimlich... Pflanzen, Vögel und Befreier klappen nicht schlecht. Ein letztes Mal wird akribisch dem spanischen Text hinterhergespürt. S-Endungen werden verkürzt, aber auch nicht immer, da graust es dem Lehrkörper. Man kann Karten kaufen, sich für die after show party eintragen (die wird stark, wir werden über 150 Leute sein!), sich in kommendem Glanz sonnen (angeblich schon 600 Karten verkauft) usw. usf. Wenn das kein vielversprechender Wochenauftakt ist!

Generalprobe Donnerstag 13:30, haben's alle mitgekriegt? Anfahrtsbeschreibung gibt's hier!

21. Mai 2009
Generalprobe in der neuen Kultur-Halle. Ist schon schön geworden, die Wissener sind mit Recht stolz darauf. Auch die bisherigen Veranstaltungen waren gut bis sehr gut besucht und die Presseresonanz ist enorm. Die riesige Bühne lädt zu Experimenten ein und so muss der Chor sich zuerst einmal ganz neu formieren, was dann aber nach einer dreiviertel Stunde und einer kleinen Sopran-Meuterei schnell wieder geändert wird. So ist das also, die hier schon mal hochgelobte Sicherheit der Hoch-Frauen ist wohl nur gewährleistet, wenn der Bass dahinter steht...

Canto General

Von diesen lang andauernden Querelen um das Dauerthema wer-steht-wo-neben-wem-und-wie-hoch abgesehen (oder vielleicht auch dieses eingeschlossen?) verlief die Probe ansonsten gewohnt professionell. Der Mittelteil der Vögel klappte kein bisschen, aber das kratzte vor der Pause niemanden mehr wirklich. Unser verehrter Riese Martin Krasnenko verbreitete wieder gute Laune und sang so schön, dass es einigen Damen richtig blümerant wurde. Milena, die Gitarren-Combo, die Flöten-Grazien, der Herr der Pauken usw., alle wieder voll auf dem Posten. Also kann's morgen ja nur gut werden...

22. Mai 2009
Die Aufführung. Es ist natürlich nicht leicht, die vielen Superlative im Forum noch zu toppen. Dem kann kaum noch was hinzugefügt werden. Ein wunderbarer Ort für eine berauschende, in Musik geronnene Idee. Man stellt viele Vergleiche zu letztem Jahr an: Die Energie kam in der Kirche direkt auf einen zu, dieses Mal musste sie einen Umweg nehmen, sagt die eine. Und der andere merkt an, dass das nun mal keine Musik für eine Kirche sei, eher für ein Stadion. Die Mehrheit sagt, dass beide Recht haben: Es war wieder ganz große Klasse! Fast 800 Zuschauer forderten drei Zugaben und die standing ovations taten so unendlich gut...

Canto General

Was ist es eigentlich, was sowohl die Aktiven (diesmal traf ich sogar Musiker mit glänzenden Augen) als auch die Zuhörenden so dermaßen berührt? Kann man das irgendwie erklären? Wahrscheinlich ist es ein doppelter Effekt: seliger Romantizismus und konkrete Hoffnung. Wie in den Hochzeiten der sehr deutschen Romantik vor fast zweihundert Jahren wird die großartige, "unschuldige" Natur als Kontrast zu unserer anonymen und oft ausbeuterischen Naturbeherrschung glorifiziert. Ein Schuss Todessehnsucht kommt hinzu, zu Beginn von Los Libertadores sieht man förmlich die revolutionären Haufen, mit vor Begeisterung gerötetem Gesicht, ungeordnet und johlend in das feindliche Feuer rennen. Natürlich handelt es sich um eine säkulare Religion, die von ihren Hohepriestern, den poetischen und kunstschaffenden Intellektuellen, in Spanien desillusioniert, gegen die Absichten und mit den Mitteln der ersten Welle der Globalisierung im ersten Drittel des letzten Jahrhunderts weltweit verbreitet wurde. Ihr Schrei gegen die unmenschliche Kulmination der Moderne in den Lagern verhallte damals, aber er brennt uns heute noch in den Ohren.

Jedoch: ist unser mitteleuropäisches Schmachten für die übermächtige Naturgewalt Südamerikas nicht nur exotische Schwärmerei? Ist das Berührtwerden von den Schicksalen hunderter Millionen unterdrückter und versklavter, ausgebeuteter und ermordeter Einwohner in unserer reichen und satten Welt nicht scheinheilig? Ein niedliches 2-Stunden-Revolutiönchen zwischen Bratwurst und Kölsch?

Wäre es, wenn Neruda und Theodorakis es dabei bewenden ließen. Beide aber zielen nicht nur aufs Gemüt, sondern vor allem auf den Kopf. Und das sollte in Erinnerung bleiben von den nun zwei Jahren Beschäftigung mit dem Werk: Eine andere Welt ist möglich. Und ich behaupte, dass sich in der emotionsgeladenen Rezeption genau dieses Bahn bricht, dass kaum jemand sich dieser Hoffnung entziehen kann. Gerade in den letzten Monaten sollte doch allen klargeworden sein, dass wir so nicht weiter wirtschaften können, dass die Welt neue Konzepte, neue Lösungen braucht. We can, too. Neruda gibt uns dazu ein paar Stichworte, Bescheidenheit, Solidarität, Gerechtigkeit. Vielleicht ein wenig so, wie beim Eröffnungsabend der Halle am Samstag zwei ehemals dort beschäftigte Arbeiter es mit ihren Transparenten dem Neustart mitgegeben haben. Dieser Ort atmet es noch und ich wünsche den Veranstaltern, es zu bewahren und in die Gegenwart zu transformieren:

Und ihre Lippen waren die Blätter
des ungeheuren Baumes, ausgeteilt,
überall hin verbreitet,
wandernd auf seinen Wurzeln.

Canto General

Mit kalten und warmen Spezialitäten und dem leckeren chilenischen Wein von Rainer feierten wir noch stundenlang. Diese Halle möchte bestimmt mal wieder ein ähnliches Projekt sehen und es kann als sicher gelten, dass Klaus sich dazu auch schon erste Gedanken macht. Da kommt schon noch was...